Am Fuss des Regenbogens
In Verena Langs beeindruckender neuer
Erzählung «Ankunft von woanders» dreht sich alles um Fragen rund um die Moral
und Verantwortung. «Manchmal denke ich: Es war einer jener
Träume, in welchen man sich unterwegs verliert, weil niemand an der Grenze zur
Realität steht und den Ausweis verlangt.» So urteilt die Ich-Erzählerin Luzia
in Verena Langs neuem Buch «Ankunft von woanders». Sie tut das mit Blick auf
eine Begegnung, die sie – womöglich um die Orientierung wieder zu erlangen – zu
Papier bringen will. Auslöser dazu ist die Koinzidenz zweier Ereignisse: Das
Verschwinden der Statue der Verena von Zurzach, der heiligen Fremden, und das
Auftauchen einer jungen Frau, Fatou mit Namen, einer Immigrantin, einer
Sans-Papiers, die Luzia schon bald bei sich zu Hause aufnimmt, beherbergt und
zugleich vor den Behörden verbergen muss.
NACH IHREM VIEL beachteten
Erzähldebüt «Schmetterlinge träumen» (2007) überzeugt Verena Lang (49) erneut
durch einen unbestechlichen, doch keineswegs nur nüchternen Blick auf das
Gebaren der Menschen, auf eine Gesellschaft auch, in der so manche
Ungerechtigkeit Usus geworden ist. Tatsächlich eine Erzählung, in der es um
Moral geht, um Verantwortung auch. Ist das nicht überholt? Wie anders aber soll
sich aktuelle Literatur auszeichnen, wenn nicht durch Anachronismen, durch
Gegenläufiges und eben Eigensinn? «Fatou und die heilige Verena»
lautet der Untertitel von Langs Erzählung. Die Analogie ist von vorneweg
angelegt und also auch der Vergleich. Denn die heilige Verena, die ihren Namen
erst im Nachhinein bekommen hat, war ihrerseits aus der Fremde gekommen, und
sie hätte sich, wäre das Schweizer Asylgesetz damals schon in Kraft gewesen,
kaum so entfalten können, wie sie es eben konnte. Andere Spiegelungen im Buch
sind aber interessanter, sei es die Art und Weise, wie sich die Beziehung
zwischen Fatou und Luzia entwickelt, oder sei es der Spiegel, den jedes
geglückte literarische Werk auszeichnet – jener zwischen Text und Leser. Verena
Lang hat sowohl den Blick für die scheinbar nebensächlichen Dinge, als auch
verfügt sie über psychologisches Fingerspitzengefühl. Und immer wenn sich die
Schrift-stellerin aufs Beschreiben und Schildern beschränkt, offenbaren die
Sätze eine poetische Kraft, sodass der Leser unvermittelt und zuweilen
unvorbereitet getroffen wird. < zurück |