AZ vom 6. November Aargauer Kultur S. 32

Am Fuss des Regenbogens  

In Verena Langs beeindruckender neuer Erzählung «Ankunft von woanders» dreht sich alles um Fragen rund um die Moral und Verantwortung.

MARKUS BUNDI

«Manchmal denke ich: Es war einer jener Träume, in welchen man sich unterwegs verliert, weil niemand an der Grenze zur Realität steht und den Ausweis verlangt.» So urteilt die Ich-Erzählerin Luzia in Verena Langs neuem Buch «Ankunft von woanders». Sie tut das mit Blick auf eine Begegnung, die sie – womöglich um die Orientierung wieder zu erlangen – zu Papier bringen will. Auslöser dazu ist die Koinzidenz zweier Ereignisse: Das Verschwinden der Statue der Verena von Zurzach, der heiligen Fremden, und das Auftauchen einer jungen Frau, Fatou mit Namen, einer Immigrantin, einer Sans-Papiers, die Luzia schon bald bei sich zu Hause aufnimmt, beherbergt und zugleich vor den Behörden verbergen muss.

NACH IHREM VIEL beachteten Erzähldebüt «Schmetterlinge träumen» (2007) überzeugt Verena Lang (49)  erneut durch einen unbestechlichen, doch keineswegs nur nüchternen Blick auf das Gebaren der Menschen, auf eine Gesellschaft auch, in der so manche Ungerechtigkeit Usus geworden ist. Tatsächlich eine Erzählung, in der es um Moral geht, um Verantwortung auch. Ist das nicht überholt? Wie anders aber soll sich aktuelle Literatur auszeichnen, wenn nicht durch Anachronismen, durch Gegenläufiges und eben Eigensinn?
Luzia, Verena Langs Heldin, sieht die Widersprüche, findet sich selbst in einer schwierigen Situation: Da ist der innere Antrieb, einer fremden Person zu helfen, und da ist die Angst, nicht nur mit den geltenden Gesetzen in Konflikt zu geraten, sondern darüber hinaus auch die Konsequenzen tragen zu müssen. Kommt hinzu, dass sich Fatou nur bedingt helfen lässt, ihren eigenen Kopf hat, eine andere Welt mit in die kleine Wohnung Luzias bringt, die nur teilweise kompatibel ist mit den hierzulande geltenden Wertvorstellungen und Verhaltensregeln. So bescheiden Luzia auch lebt, in Fatous Augen ist es der pure Überfluss. Und nachdem sie den Kleiderschrank ihrer Gastgeberin ausgeräumt hat, kommentiert sie knapp: «Du hast zu viele Sachen.»

«Fatou und die heilige Verena» lautet der Untertitel von Langs Erzählung. Die Analogie ist von vorneweg angelegt und also auch der Vergleich. Denn die heilige Verena, die ihren Namen erst im Nachhinein bekommen hat, war ihrerseits aus der Fremde gekommen, und sie hätte sich, wäre das Schweizer Asylgesetz damals schon in Kraft gewesen, kaum so entfalten können, wie sie es eben konnte. Andere Spiegelungen im Buch sind aber interessanter, sei es die Art und Weise, wie sich die Beziehung zwischen Fatou und Luzia entwickelt, oder sei es der Spiegel, den jedes geglückte literarische Werk auszeichnet – jener zwischen Text und Leser. Verena Lang hat sowohl den Blick für die scheinbar nebensächlichen Dinge, als auch verfügt sie über psychologisches Fingerspitzengefühl. Und immer wenn sich die Schrift-stellerin aufs Beschreiben und Schildern beschränkt, offenbaren die Sätze eine poetische Kraft, sodass der Leser unvermittelt und zuweilen unvorbereitet getroffen wird.  < zurück
Verena Lang Ankunft von woanders. Edition Isele 2009.105 S., Fr.23,50