Rezension Aargauer Zeitung 3.12.1997, S.58                                                                                        

 „hayaku – hayaku“ – japanische Telegramme aus Wettingen                                

Lyrik  Mit Verena Langs Gedichtzeilen und den Tuschzeichnungen von Herbert Sax in die japanische Kultur Einblick 

ELISE GUIGNARD

Ein Lyrikbändchen mit einem Doppeltitel «hayaku -hayaku». Der Japaner versteht: «schnell - schnell». Wir lesen «1apanische Telegramme». Was ist damit gemeint? Neugierig beginnen wir zu blättern. Gedichte, Dreizeiler, nur eines auf einer Seite, da zwei, drei oder sogar noch mehr, dazwischen freie Pinselzeichnungen, lineare und flächige, bildhafter Ausdruck momentaner Konzentration. Tuschzeichnungen sind Japanern wie uns Westlern gleicherweise vertraut. Auch unter den Dreizeilern, den Haiku, finden sich welche, die in beiden Sprachräumen dasselbe evozieren. Es seien drei aufeinander folgende zitiert: «über den rand des flügels / stürzt sich der blick / und bleibt am wolkenpilz hängen // wind reisst am flugzeug / himalaya weit unter uns / mich friert bei diesem gedanken /// es gähnen die stunden / die leinwand spuckt bilder aus / verboten die fenster zur nacht». - Der Flug von West nach Ost, von Ost nach West. -Es verwischen sich die Grenzen, und die Menschen, wo auch immer sie beheimatet sind, werden von ähnlichen Empfindungen bewegt.

Das Besondere des Sammelbandes liegt aber darin, dass er nebst den allgemein verständlichen Texten manchen Dreizeiler enthält, den nur mit japanischer Kultur vertraute Leser zu deuten wissen. Beispielsweise diese Haiku-Kombination: «zeugenaussage / es fiel die sonne vom himmel / hiroshima und nagasaki // am berg heute nacht / heiliges zeichen in flammen / so finden die ahnen nach haus». Das zweite Haiku - es handelt sich nicht um Strophen - verweist auf das Totenfest, das in der ersten Hälfte des August in ganz Japan gefeiert wird. In speziell eindrücklicher Weise in der alten Kaiserstadt Kyoto, wo am Berghang die O-Bon-Zeichen, das heisst, die Totenfest-Feuerzeichen brennen. Es sind Symbole für die Begegnung der Lebenden mit den Ahnen. «die ahnen finden nach haus» -Am Hausaltar und draussen beim Grabstein sind sie im Gebet ihrer Familienglieder anwesend; danach kehren sie wieder zurück in die Welt der Ahnen, ins Reich der Seelen.

Metaphern -in drei Zeilen konzentrierte Weltanschauung

Die beiden Haiku hängen inhaltlich zusammen, es soll uns aber bewusst bleiben, dass jedes vom andern unabhängig bestehen kann. Hiroshima - Atombombenabwurf- «es fiel die sonne vom himmel». Gibt es dafür eine treffendere Metapher? Alles ist damit über diese Katastrophe in der Geschichte der Menschheit gesagt. Dagegen der Vers «heiliges zeichen in flammen» kündet von einem zeitlosen kosmischen Zusammenhang, in den die Lebenden und die Abgeschiedenen eingeschlossen sind. In drei Zeilen konzentriert sich eine Weltanschauung. Verena Lang, die Dichterin und Theologin, sinnt der ostasiatischen Weltsicht nach und findet für die Zeitlosigkeit noch andere Symbole wie etwa in den drei Versen «im tempelgarten / der teich ein schwarzes zifferblatt / es fehlen die zeiger». Es lockt uns, noch weiter zu interpretieren. «es fehlen dir die zeiger» - Ist dies nicht ebenfalls eine Chiffre für die Haiku-Ästhetik? Anstelle fixierter Zeiger stehen in den drei Zeilen, in der Haiku-Dichtung insgesamt konkrete Zeichen voller Andeutungen, reich an Assoziationen. Zur Erläuterung sei das letzte Gedicht unserer Sammlung zitiert: «das ferne land / ein bambus im topf / braucht jeden tag wasser» - Unwillkürlich teilt sich dem Leser das Fernweh der Dichterin mit. Bambus -Zeichen für Ostasien; Gedanken, tropfenweise, Tag für Tag halten die Erinnerung wach ans ferne Land. Der Maler Herbert Sax, ein Schweizer, der viele Jahre in Japan gelebt hat, versteht den Wink. Fünf Kreise, grosse und kleine, pinselt er in, graustufiger Tusche aufs weisse Blatt - Wachstumsringe des Bambus. Die drei Zeilen, die drei Wörter allein «fern - bambus -wasser» imaginieren eine grenzüberschreitende Weite.

Das Haiku lehrt uns, das einzelne Wort auszuhorchen. Zu einigen uns unbekannten Ausdrücken gibt die Autorin im Anhang eine kurze, oft zu kurze Erklärung. Schade, dass sie zu «tanabata» nicht die Sternsage erzählt vom Hirten und der Weberin. Der Hirte gehört in das Bild des Adlers (Aquila), die Weberin ist der Stern der Wega. Die beiden lieben sich, wohnen aber an den entgegengesetzten Enden der Milchstrasse, und nur einmal im Jahr, in der siebten Nacht des siebten Mondes können sie sich treffen. «tanabata / in milchstrassenfeme / zwei sterne berühren sich» -Japaner assoziieren zu «tanabata» Sommernächte, traditionelle Feste; einige erinnern sich vielleicht an einen Farbholzschnitt von Ando Hiroshige aus den «Hundert Ansichten von Edo». Ein heiteres Landschaftsbild. Weit über die niedrigen Häuser hinaus wiegen sich hohe Bambusrohre. Papierstreifen, vollgeschrieben mit Kurzgedichten und Liebeswünschen hängen daran. Der Wind aber scheint von zwei Seiten zu wehen; im Vordergrund neigen zwei Rohre sich zu, berühren sich schier; bunte Papierstreifen kreuzen sich. Die biegsamen Bambushalme wenden sich einander zu, tauschen gleichsam Botschaften aus.

Westliche und östliche Kultur

Westliche Kultur und östliche Kultur, auch sie liegen an entgegengesetzten Enden «in milchstrassenferne», so dünkt es uns oft. Dichterische Worte, Literatur generell bringen Fernes näher. Eine poetische Form wie das Haiku wirkt als Bindeglied. Die in Wettingen wohnhafte Schweizerin Verena Lang, die von 1991 bis 1995 in Kyoto am International Social Welfare Exchange Center unterrichtete, hat sich japanische Kultur so weit anverwandelt, dass sie sich ganz natürlich der seit dem 17. Jahrhundert gepflegten lyrischen Kurzform des Haiku bedient. Im japanischen Gedicht werden in den Versen genau die Silbenzahlen fünf, sieben - fünf eingehalten; im deutschen ist das nicht möglich. Ein flüchtiger Überblick über die Typographie verrät allerdings da und dort den Wechsel von zwei kürzeren und einer längeren Zeile. Die deut-

sche Sprache schwingt sich ein in denfremden Rhythmus. Es mag vorerst erstaunen, wie viele schöpferisch Tätige und Rezipienten in westlichen Ländern von der traditionellen ostasiatischen Lyrikform fasziniert sind. In Deutschland wie auch anderswo existieren Haiku-Gesellschaften, Lese- und Schreibzirkel. Vergleichbare Vereinigungen kennt man in Japan, dort gibt es überdies von Dichtem redigierte Zeitschriften, in denen diese selbst Anleitung zum Komponieren geben, und in speziellen Haiku-Schreibstudios haben Laien und künftige Poeten die Möglichkeit, das «Handwerk> zu lernen.

Die aufs Minimum verknappte Form erweist sich offenbar als geeignetes Ausdrucksmittel für die Geschwindigkeit, mit der sich unsere Lebenswelt verändert. «hayaku -hayaku» -schnell, schnell ist der Augenblick vorüber - im Gedicht nur verweilt er. Ich zitiere dazu die Schlussstrophe eines Gedichtes von einem über die Landesgrenzen hinaus bekannten modernen japanischen Autoren. «Darum ist die Welt des Gedichts / ein weites Meer - ein vielfarbiger Kontinent / wo es sich lohnt zu leben - Ort für mich - ein Ort für dich»


Verena Lang: .“hayaku – hayaku“. Japanische Telegramme mit Tuschezeichnungen von Herbert Sax. berdel edition 13. - berdel verlag Barbara Spiess, D-59379 Seim, 1997. Die zitierte Strophe am Schluss stammt aus: Ooka Makoto: Botschaft an die Wasser meiner Heimat. Gedichte 1991-1996. Auswahl, Übersetzung aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein. Berlin: Ed.q, 1997 (Japan-Edition)
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