top of page

Das Momentarium

30. Sept.

Heute Morgen hat Ida Calypso gedacht: Singen sollte man können. Frei und schön.

Es gibt diese Morgenmomente, die so hell und leicht sind wie ein heiteres Lied. Das Licht fällt weich auf die Dinge, und für einen Augenblick ist alles einfach da.

Sie wird still und hört ins Grüne. Und da ist es, das Singen. Irgendwo zwischen Blättern und Zweigen. Ihre Ohren öffnen sich, als wollten sie tiefer hören, etwas von hinter der Welt.

Mitten in diesem Weltelend, mitten in all dem, was so schwer ist: ein lichter Augenblick. Fast unverschämt schön. Nicht einmal der Schmerz im Rücken kann ihn trüben.

Dabei färbt er nichts schön. Er übertüncht nichts. Das Schwere bleibt schwer, das Traurige traurig. Aber für einen Moment darf etwas anderes daneben sein: ein wenig Licht, ein wenig Grün und Tanz.

Es genügt, dass es kurz auftaucht. Dass es sie findet, ohne dass sie danach gesucht hat. Dass es winkt und wieder verschwindet.

Vielleicht ist gerade das wichtig: dass es nichts verspricht. Dass es nicht bleiben muss. Dass es einfach da gewesen ist.

„Danke für die Umarmung“, sagt Ida leise.

Ida spricht oft laut mit dem Unsichtbaren. Nicht, weil sie eine Antwort erwartet. Sie glaubt, so könne sie sich das Sprechen erhalten. Und wenn niemand da ist, kann sie sagen, was sie will.

Sie sucht Orte, an denen man sie in Ruhe lässt. Den Wald. Eine Wiese. Einen unbekannten Weg. Vor allem aber Kirchen, wo jeder Schritt ein Echo hat und die Klagen, Bitten und die Verzweiflung jener nachhallen, die lange vor ihr hier waren.

Die Stille. Sie ist aufgeladen, dicht.

Kerzen brennen für Tote, Kranke, Trauernde. Für verlorene Kinder und verlorene Geliebte. Flammen flackern. Ein Luftzug.

Mein Gott, hast du das alles gehört? Jahrhundert um Jahrhundert?, flüstert Ida.

Sie muss sich zusammennehmen, damit aus dem Flüstern kein Protest wird. Damit ihre gefalteten Hände sich nicht zu Fäusten ballen. So viel Leid. So viele unerhörte Bitten.

Und du, Maria, mit deinem Buddhalächeln und dem Kind im Arm. Wie kannst du nur so dastehen?

Ich möchte dich aus deiner Erhabenheit lösen. Zurück zur Frau, die gebar, liebte, verlor – und mitleidet.

Gegrüsst seist du, Mitfühlende. Mittragende.

Irgendwo fällt Licht durch ein Fenster. Für einen Augenblick.

Hat er das alles gehört?, murmelt Ida.

Die Antwort muss sie sich selber geben.


16. Sept.

Manchmal liest Ida Calypso den Tag mit den Füssen, eine Form von Barfussdenken.

Sie geht. Sie spürt. Sie sammelt ein, was ihr so unter die Sohlen gerät.

Gedanken zum Beispiel. Die kommen ungefragt. Wie Spatzen. Woher, weiss sie nicht.

Zwischen Zehen und Zeit bleibt so einiges hängen: ein Ton, ein Farbsplitter, eine Träne, ein kleiner Stachel. Ein bisschen Wärme. Ein Stück Weg.

Fuss-Noten.

Sie trägt sie ein Stück mit sich herum. Und manchmal, wenn sie schon längst wieder Schuhe anhat, klingen sie noch nach.

bottom of page