ein Luftzug durch Jahrhunderte
Aktualisiert: 2. Okt.
Ida spricht oft laut mit dem Unsichtbaren. Nicht, weil sie eine Antwort erwartet. Sie glaubt, so könne sie sich das Sprechen erhalten. Und wenn niemand da ist, kann sie sagen, was sie will.
Sie sucht Orte, an denen man sie in Ruhe lässt. Den Wald. Eine Wiese. Einen unbekannten Weg. Vor allem aber Kirchen, wo jeder Schritt ein Echo hat und die Klagen, Bitten und die Verzweiflung jener nachhallen, die lange vor ihr hier waren.
Die Stille. Sie ist aufgeladen, dicht.
Kerzen brennen für Tote, Kranke, Trauernde. Für verlorene Kinder und verlorene Geliebte. Flammen flackern. Ein Luftzug.
Mein Gott, hast du das alles gehört? Jahrhundert um Jahrhundert?, flüstert Ida.
Sie muss sich zusammennehmen, damit aus dem Flüstern kein Protest wird. Damit ihre gefalteten Hände sich nicht zu Fäusten ballen. So viel Leid. So viele unerhörte Bitten.
Und du, Maria, mit deinem Buddhalächeln und dem Kind im Arm. Wie kannst du nur so dastehen?
Ich möchte dich aus deiner Erhabenheit lösen. Zurück zur Frau, die gebar, liebte, verlor – und mitleidet.
Gegrüsst seist du, Mitfühlende. Mittragende.
Irgendwo fällt Licht durch ein Fenster. Für einen Augenblick.
Hat er das alles gehört?, murmelt Ida.
Die Antwort muss sie sich selber geben.