Nur das
Aktualisiert: 2. Okt.
Vielleicht ist das überhaupt das Merkwürdige am Älterwerden: Irgendwann merkt man, dass man von sich selbst nicht mehr in sicherer Entfernung erzählen kann.
Also gut.
Seit einiger Zeit verfolgt mich ein Wort. Es kommt aus Büchern, aus Podcasts, aus den Mündern von Menschen, die offenbar schon viel weiter sind als ich.
Alte Liebe. Alte Wut. Alte Vorstellungen. Alte Geschichten.
Loslassen.
Besonders uns Älteren wird es ans Herz gelegt. Vielleicht, weil man glaubt, wir hätten über die Jahre zu viel angesammelt. Als lägen all die alten Dinge bei uns im Keller und warteten nur darauf, endlich freigelassen zu werden.
Eine regelrechte Loslass-Epidemie.
Und natürlich gibt es inzwischen auch die passenden Coaches dazu. Nichts dagegen. Jeder soll schliesslich von etwas leben. Ich denke neuerdings lieber barfuss.
Und deshalb versuche ich es erst einmal mit Zulassen.
Eine Tür öffnen, wenn etwas davorsteht.
Ist abenteuerlich.
Eine Erinnerung.
Trauer, Wut, die noch nicht fertig ist mit mir.
Komm herein, sage ich.
Setz dich.
Ich höre dir zu.
Mehr erst einmal nicht. Nur das.
Ich höre dich.
Vielleicht gehen manche Dinge tatsächlich leichter, wenn man aufhört, sie wegschicken zu wollen. Man muss ja nicht alles sofort loslassen.
Vielleicht ist manches auch gar nicht dafür gedacht, losgelassen zu werden.
Vielleicht will es einfach noch ein bisschen bei mir sitzen.
Manchmal reicht es, langsam und spürend weiterzugehen. Nur das.
Auch wenn es wehtut.
Mit der Zeit wird die Haut an den Füssen dicker.
Und vielleicht wird man dabei nicht gefühlsloser.
Nur etwas trittsicherer.