das Reh
Gerade tritt ein Reh aus dem hohen Farn im wilden Teil meines Gartens, als hätte sich dort, zwischen Grün und spätsommerlichem Licht, ein Vorhang für seinen Auftritt geöffnet.
Es hat mich längst bemerkt. Und doch ignoriert es mich mit jener Selbstverständlichkeit, die wilden Tieren eigen ist, solange man ihnen nicht zu nahe kommt. Als ich es freundlich begrüsse, hebt es für einen Augenblick den Kopf. Sein Blick streift mich – ruhig, beinahe beiläufig –, dann senkt es ihn wieder und widmet sich den wenigen Blüten, die der Garten nach diesem Hitzesommer noch zu bieten hat.
Schauspieler sprechen schliesslich nicht mit dem Publikum.
Also sitze ich still da, so still ich eben kann, und hüte mich davor, die Vorstellung zu stören. Meine Eintrittskarte ist ohnehin bezahlt: Das Reh frisst sich durch die letzten Farbtupfer in der Wiese, und ich darf ihm dabei zusehen.
Ein paar Blumen gegen diesen Augenblick.
Ein fairer Preis, denke ich.
Vielleicht sogar ein sehr günstiger – für eine Spezialvorstellung, heute Abend, nur für mich.